März 2020

Mit den stetig wärmer werdenden Tagen spürten wir zunehmend Anzeichen von  Reisefieber und Heimweh nach unserer Mizar. Bei ihrer täglichen, breitgefächerten Suche im Internet ist Matz auf ein Angebot gestossen, dem sie ganz offensichtlich keine Abwehr entgegen zu setzen hatte. Sie war diesem also schutzlos ausgeliefert. Gross war daher ihre Freude, als uns die freundliche Postbotin von Saint-Camelle ein paar Tage später ein kleines Päckchen brachte. Von dem Moment an baumelte ein neuer Anhänger am Hals unserer Schiffskapitänin (Titelbild). Ein klares Zeichen, in welche Richtung ihre vorherrschenden Gefühle wiesen. Intimen Kennern unserer Geschichte sind die wahren Beweggründe, die dahinterstecken, natürlich bekannt. Anderen empfehlen wir, auf der Startseite unserer Homepage zunächst auf den Link 'die Mizar' und dann auf 'der Name' zu klicken.

Aber zuerst hatten wir ein lange aufgeschobenes Vorhaben nachzuholen. Der Tag unserer Abreise kam ja rasch näher und noch immer hatten wir kein Cassoulet gegessen! Das war natürlich ein unverzeihlicher Fehler, bezeichnet sich doch Castelnaudary selber, ganz selbstbewusst, als die Welthauptstadt des Cassoulet. Bei unserem Besuch in der Poterie Not, welche die unverzichtbaren Töpfe für dieses Gericht herstellt (siehe Februar 2020), hat man uns dazu mit Nachdruck die nahe gelegene Hostellerie Etienne (in 11320 Labastide d'Anjou) als die weitaus beste Adresse empfohlen. Also reservierten wir dort, zusammen mit Maria und Mende von der Constanta, einen Tisch für ein reichliches Mittagessen. Der Tipp der 'Tonkünstler' Not erwies sich dabei als goldrichtig. Nicht nur, was die Empfehlung für eine rechtzeitige Reservation angeht, denn das Restaurant war an diesem gewöhnlichen Wochentag, selbst am Mittag, bis auf den letzten Platz besetzt. Aber auch das Essen war ausgezeichnet. Wenn das Cassoulet scheinbar als einfache Speise daherkommt, ist seine richtige Zubereitung nicht ganz ohne. Wer das selber überprüfen möchte, kann es versuchen. Hier mit dem Original-Rezept.

Wenn das Ende eines Housesittings (so der richtige Name unserer Funktion während der vergangenen 4½ Monate) näher kommt, drängen sich einige Abschlussarbeiten auf. Schliesslich will man ja seinen Job gut machen und einen guten Eindruck hinterlassen. Nur so hat man echte Chancen, bei einer anderen attraktiven Gelegenheit wieder berücksichtigt zu werden. So ist bei uns gewünscht worden, dass die paar Tausend m² Wiesen gemäht werden sollten, was bei diesem Wetter eigentlich nicht schwer fiel. Zum Glück bemerkten wir dabei rechtzeitig einige etwas höher aufragende Stängel und konnten im letzten Moment mit dem Mähtraktor ausweichen. Genaueres Hinschauen zeigte dann rasch, dass wir es hier mit einem Gewächs zu tun hatten, das in der Schweiz gleich mehrere Botaniker und Orchideenliebhaber mobilisieren würde. Hocherfreut schauten wir auf eine ganze Gruppe von Ophrys passionis (Spinnen-Ragwurz).
Keine Frage, dass wir diese Stelle mit dem Mäher grossräumig verschonten und die Besitzer auf unseren Fund aufmerksam machten.

Eine Pflanze, die in der roten Liste aufgeführt ist (auch unter dem Synonym Ophrys aranifera oder Ophrys sphegodes), derart gesund und zahlreich in 'unserem' Garten!
Welche Überraschung an einem der letzten Tage unseres Aufenthaltes. Wir werden das sicher nicht so rasch vergessen!

  

Kurz darauf war er aber wirklich da: unser letzter Tag. Wir liessen noch einmal die Augen über die Landschaft schweifen, die jetzt deutlich grüner war als bei unserer Ankunft im letzten Herbst, ...

... setzten uns ins Auto und fuhren durch das Gartentor hinaus. Ein Blick zurück, ob es auch wirklich geschlossen war und die Rückreise konnte beginnen.
Ein spannender Abschnitt hat damit sein Ende gefunden.

  

Auf dem Weg zurück in die Schweiz haben wir in Genf einen Halt eingelegt. Matz konnte hier bei dieser Gelegenheit ein 30-jähriges Berufsjubiläum feiern. Mit einem Besuch in einem Restaurant, das damals ganz oben auf der Hitliste gestanden hatte. Hansruedi konnte beim gleichen Anlass (erst zum zweiten Mal seit fünzig Jahren!) einen Freund aus seiner Studienzeit treffen, der trotzdem nie ganz vergessen gegangen ist.
Vor dem längst geplanten Nachtessen machten wir am Nachmittag zu zweit einen Rundgang durch die belebte Stadt, in der gerade der Frühling Einzug zu halten schien und tranken, mit vielen anderen, genüsslich ein Bier an der wärmenden Sonne.

  

Ganz unerwartet hat sich danach die Gelegenheit ergeben, mit einem der kleinen gelben Schiffe, die Bestandteil des öffentlichen Verkehrs sind und damit im Trambillett eingeschlossen, noch eine kurze Fahrt quer über das Seebecken zu unternehmen. Ein wenig Schifffahrt musste doch sein.

  

Und hier hat sie uns dann eingeholt: die Wirklichkeit, geprägt durch die Krise mit dem Coronavirus!

Plötzlich war nichts mehr wie es zuvor war. Zwar wussten wir, dass verschiedene Gross-Anlässe vorgängig abgesagt worden waren, aber das war für uns alles immer ziemlich weit weg. Nun wurden wir während der Fahrt im vollbesetzten Tram via Telefon angefragt, ob wir an der Reservation für das Nachtessen im Restaurant festhalten wollen, weil offensichtlich mehr als 50 Personen gemeldet waren. Wir waren überrascht und hatten nicht viel begriffen. Im Laufe des Abends lernten wir aber sehr rasch dazu. Das Nachtessen mit Ruedi, dem Studienfreund, war ein gutes und herzliches Erlebnis, doch das Personal schien nervös und viele Plätze blieben leer. Etwas später kam sogar die Polizei, zu kontrollieren, ob nicht zu viele Gäste anwesend waren.

Auf der Weiterfahrt am nächsten Tag besuchten wir in Murten noch kurz einen Freund aus vergangenen Militär-Tagen und da wurde uns dann plötzlich vieles klar. Mit schweizerischer Gründlichkeit hatte man verinnerlicht, sich an Weisungen zu halten. Ab sofort gab es kein Händeschütteln mehr und konsequent wurde auf 'social distancing' geachtet. Der Gegensatz zu Südfrankreich war deutlich und für uns war das alles neu und etwas ungewohnt.
Beim Einkauf im nahen Migros-Laden prallte dann die neue Wirklichkeit von einer anderen Seite auf uns ein. Am frühen Samstagnachmittag waren viele Regale leergekauft. Stellenweise machte das Geschäft den Eindruck, als wäre es geplündert worden. So etwas hatten wir bislang in der Schweiz noch nicht gesehen.

  

Der Besuch in der Heimat hätte eigentlich in allererster Linie den intensiven Kontakt mit der Familie unserer Tochter ermöglichen sollen. Im vergangenen Oktober hatten sie ihren zweiten Sohn bekommen und wir haben uns darauf gefreut, diesen jetzt etwas häufiger zu sehen. Doch die aktuellen, bedrohlich wirkenden Umstände haben vernünftigerweise ausgedehnte Besuche untersagt und wir wollten jeden Anlass für nachträgliche Ungewissheiten vermeiden. Mit einer kurzen Begrüssung an der Haustüre, unter Einhaltung der geforderten Distanz, mussten wir uns daher zufrieden geben. Aus dieser Perspektive ist der ganz Kleine in der dritten Reihe bloss zu erahnen! Nicht gerade, was wir uns zuvor gewünscht hatten, doch wir waren froh, dass alle sich immer noch vollkommen gesund fühlten.

Weil sich sämtliche anderen Termine ohne unser Zutun von selber erledigt hatten, verboten oder schlicht abgesagt wurden, erschien uns die frühestmögliche Weiterreise auf unser Schiff als die beste Alternative. Die Grenze nach Frankreich war für Schweizer Bürger zwar bereits geschlossen, aber wir vertrauten unserem Charme und dem Reiz unseres ungelenken Französisch. Zusätzlich hatten wir sämtliche geforderten Papiere brav ausgefüllt und uns mit allen (druckfrischen) Schiffsdokumenten ausgerüstet.
Und es hat geklappt!!!
Die beiden Grenzpolizisten haben ausführlich in den Papieren geblättert und einige Fragen gestellt, uns dann aber mit einer freundlichen Geste weiterfahren lassen. So gross war unsere Erleichterung, dass wir gar nicht beachteten, dass es auf den Landstrassen kaum Verkehr gab.  Erst als wir am Montagmorgen auf der Autobahn lediglich vereinzelten Lastwagen begegneten und nur selten einen Personenwagen sahen, kam das uns irgendwie komisch vor. Von da an wurde uns die aussergewöhnliche Situation so richtig bewusst.
An einer Péage-Stelle wunderten sich zwei weitere Polizisten über den kleinen gelben Wagen aus der Schweiz. Sie liessen uns aber nach einem kurzen Gespräch über das Woher und Wohin ebenso freundlich weiterfahren.

So kamen wir nach einer Reise voller gemischter Gefühle wohlbehalten in St.Jean de Losne an.
Wir fühlten uns hier schnell richtig zu Hause und waren darum gerne bereit, uns strikte an die geltenden Ausgangsbeschränkungen zu halten.
Unter den gegebenen Umständen hatten wir so eine gute Lösung gefunden.

Für jede Bewegung ausserhalb des Schiffes mussten wir eine 'Attestation' ausfüllen und mitführen, auf der Tag, Zeit und Zweck des Ausfluges genau angegeben sein musste. Für Nichtbeachtung waren happige Bussen angedroht, die im Wiederholungsfall bald einmal astronomische Grössen erreicht hätten. Wirklich kontrolliert hat man uns dann aber nie!

Der nächste Beitrag wird also wieder von unserem Leben auf der Mizar berichten. Aus den Landratten sind wieder Wasserratten geworden. Ob es aber ein echter Reisebericht werden wird, daran haben wir unter den gegebenen Umständen allerdings so einige Zweifel.

Am letzten Sonntag des Monats haben wir noch die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Dass wir damit der wahren Zeit ein klein wenig voraus sind, gibt der Hoffnung Anlass, es möge der Menschheit so vielleicht eher gelingen, ihre dringendsten Probleme zu lösen und dass wir damit bald wieder zum normalen Leben zurückkehren können.
(Vielleicht ein Widerspruch, aber den können wir hier sicher nicht lösen.)

  zurück zur Reisetagebuchseite