Juni 2019

 Wie es sich schon vor einiger Zeit abgezeichnet hatte, wohnten wir am Ende des Monats Juni zwar auf unserem Schiff, waren aber weiterhin im Hafen von St.Jean de Losne blockiert.

Eher spasseshalber hatten wir bereits seit Monaten mit dieser Möglichkeit gespielt, entsprach ein solches Szenario doch unseren bisherigen Erfahrungen mit der französischen Bürokratie. Aufmerksamen Lesern unserer Berichte dürfte es nicht entgangen sein, dass wir diesen Verlauf vorausschauend bereits mehrfach angedeutet hatten.
Weil wir im letzten Jahr erheblich mehr gefahren sind als es unserem Geschmack entspricht(von Brandenburg bei Berlin über Amsterdam und Gent bis nach St.Jean de Losne), kommt es uns im Grunde nicht ungelegen, das Leben in diesem Jahr etwas ruhiger anzugehen. Wir hatten uns trotzdem rechtzeitig eine gehörige Portion Geduld zugelegt, damit wir mit der aufreizenden Langsamkeit der Behörden und ihren oft schwer verständlichen Entscheiden umgehen können, ohne dabei gleich die Nerven zu verlieren.

Während der Wartezeit blieben wir damit offen für die ganz besonderen Eindrücke, welche unsere Umgebung für uns bereit hielt, sei es kurz nach dem Regen ...

... oder am späteren Abend.

Selbstverständlich erfreuten uns auch die kleinen, unscheinbaren Besucher, die fleissig den blühenden 'Garten' auf unserer Terrasse besuchten (siehe auch Titelbild).

Eher unerwartete Beobachtungen machten wir im Wasser. Während regelmässig viele 60 bis 70 cm lange Fische die Ruhe und den Schatten zwischen den Schiffen zu geniessen schienen, fühlte sich die Schildkröte offensichtlich durch unsere Aufmerksamkeit gestört und suchte rasch das Weite.

  

Ganz untätig waren wir aber dennoch nicht und erledigten nach und nach einige kleinere Mal- und Reparaturarbeiten. So ersetzten wir die Schwellen der Türen zum Steuerhaus, weil sie bei heftigem Regen immer wieder Wasser durchgelassen hatten. Vom Schreiner liessen wir uns ein neues Oberlicht in unserem Schlafzimmer bauen. Nebenbei richteten wir alle Ausrüstugsgegenstände, die für die bevorstehende Inspektion durch die beiden Beamten aus Lyon bereitstehen mussten. Allein die respektable Sammlung von Feuerlöschern gibt einen Hinweis darauf, welche Anstrengungen es braucht, ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Als ob das nicht schon genug wäre, müssen diese Feuerlöscher jedes Jahr durch einen lizenzierten Mechaniker überprüft und neu zugelassen werden, was für jeden einzelnen beinahe soviel kostet, wie einen neuen zu kaufen! Und weil einer unserer Feuerlöscher sein ereignisarmes Dasein im Kleiderkasten im Schlafzimmer fristet, mussten wir auf der Kastentüre einen Kleber anbringen, damit wir ihn im Brandfall nicht lange suchen müssen.

Am 4. Juni sind dann, wie angekündigt, die zwei Experten aus Lyon eingetroffen. Zuerst besuchten sie unseren Nachbarn, bei dem sie scheinbar sehr viel Energie verbrauchten, denn auf unserem Schiff zeigten sie sich dann korrekt und sehr freundlich. Der Rundgang durchs Schiff hat sie sichtlich zufrieden gestellt, verlangten sie doch lediglich einige zusätzliche Hinweiskleber. Ab und zu hörten wir sogar einige Worte der Anerkennung. Das machte uns ein Bisschen stolz und stimmte uns zuversichtlich. So richteten sie zum Schluss ihr Augenmerk lediglich auf ein fehlendes 'Régistre de Sécurité'. Etwas, von dem wir noch gar nie etwas gehört hatten. Ein solches anzuschaffen, das war ihr Begehr, allerdings verlangten sie lediglich die Kopie eines Kaufnachweises. Als wir dann das grossformatige Buch endlich in den Händen hielten, haben wir gesehen, dass es im Grunde für Gebäude vorgesehen ist, in denen regelmässig fremde Leute verkehren. Es enthält, nebst einigen unlesbaren Gesetzestexten, viele leere Seiten, auf denen der Besitzer von Hand ein Verzeichnis der installierten Sicherheitsvorrichtungen eintragen muss. Also alles, was mit Feuer, Wasser, Gas, Erdbeben und Aufzügen zusammenhängt. Sämtliche Änderungen und Servicearbeiten müssen jeweils nachgetragen und mit Stempel und Unterschrift bestätigt werden. Genau so, wie die korrekte Instruktion des Personals, sowie die regelmässige Durchführung von Evakuationsübungen. Für die allfällige Unterlassung dieser Einträge wird eine Busse angedroht. Von solcher Gründlichkeit könnte selbst die Schweizer Armee noch etwas lernen.

«Die offiziellen Papiere werden wir ihnen so bald wie möglich erstellen und an Ihre Wohnadresse in der Schweiz schicken», verkündeten die Beamten beim Weggehen, ohne dabei zu erröten. Sogar eine Kopie per e-Mail haben sie uns versprochen. Wir warten immer noch auf beides.

 

Nur einmal haben wir unser Schiff ein paar Meter verschoben. Weil unsere Waschmaschine ihren Dienst quitiert hatte, mussten wir ihren Ersatz mit dem Hubstapler durch die entsprechende Öffnung im Deck abseilen. Dazu war unser Liegeplatz in der vierten Reihe nicht geeignet.

     

Zwei oder drei Tage später verabschiedete sich dann mit deutlichem Knall das Sicherheitsglas eines der Schiebe-Fenster im Steuerhaus  und hinterliess ein klägliches Häufchen Glasscherben. Der Ersatz des Fensters verlängerte unseren Aufenthalt hier um mindestens drei weitere Wochen.

     

Ein besonderes Erlebnis brachte uns die Einfahrt eines grossen Wohnschiffes in das unterste Teilstück des Canal de Bourgogne, das uns hier als Hafen dient. Es ist nicht nur durch seine Länge von 30 Metern, sondern auch durch sein arg vernachlässigtes Äusseres aufgefallen. Volle Aufmerksamkeit erregte aber sein ungewöhnlicher Antrieb. Auf dem Steuerruder war ein 10 PS Aussenbordmotor festgemacht, mit dessen Hilfe der Koloss ganz gemächlich in den Hafen tuckerte. Einen anderen Motor hatte das 'Gefährt' offensichtlich nicht.

Am nächsten Tag wurde das Schiff ins Trockendock geschoben, wo sich dann schon bald ein echtes Drama ankündigte. Der Besitzer des Schiffes, selber auch nicht mehr ganz jugendfrisch, hatte sich offensichtlich in französischer Manier während vieler Jahre nicht wirklich um die geltenden Vorschriften gekümmert. Aber jetzt hatten diese ihn ganz offensichtlich eingeholt. Der Besuch in der Werft erfolgte nämlich auf Grund einer Weisung der Behörden. Das Schiff hatte zuvor nur zum Wohnen gedient und ist nie gefahren. Mit dem ungepflegten Äusseren wurde die Not mit der Tugend verbunden. Damit sollten in erster Linie unerwünschte Besucher ferngehalten werden.
Nach dem Tod seiner Frau hatte der Mann sein Leben ganz aufs Schiff verlegt, welches in seinem Inneren ihm ein gemütliches Single-Dasein gestattete. Als promovierter Naturwissenschaftler und Geschäftsmann wusste er sich so eine kultivierte und aktive Existenz einzurichten. Der Experte zerstörte dann aber mit seinem Befund ganz unvermittelt die Idylle. Die angeordneten Massnahmen überstiegen offensichtlich die Möglichkeiten des Mannes in finanzieller und zeitlicher Hinsicht. Ein letzter Versuch, mit einer provisorischen Teil-Lösung Zeit zu gewinnen, wurde während dem Wegfahren durch die Police-Fluviale gestoppt.

Wir hatten während der ganzen Zeit mehrere lange und spannende Gespräche mit dem gebildeten Mann, der sich ein eigenes und wohl durchdachtes Weltbild geschaffen hatte. Diesem droht nun wortwörtlich die Gefahr, Schiffbruch zu erleiden. Schade, dass nun voraussichtlich die pointierten und umfassenden Ideen des Physikers über Herkunft und Sinn der Welt durch die schnöde Realität  in irdische Schranken gewiesen werden. Trotzdem begleiten ihn unsere besten Wünsche für einen glücklichen Ausgang seines Abenteuers und wir hoffen mit ihm, dass er bald wieder sein gewohntes Leben wird aufnehmen können.

Mitte des Monats kam mit dem 'Pardon des Mariniers' einer der jährlichen Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens in St.Jean de Losne. Zu Zeiten, wo der Schiffsverkehr noch eine bedeutende wirtschaftliche Rolle gespielt hatte und die katholische Kirche im täglichen Leben noch präsent war, versammelten sich an diesem Tag regelmässig alle Schiffer der Gegend an am Quai National um dort ihre Schiffe segnen zu lassen. Im festen Glauben, der Segen der Kirche würde ihnen zu einem unfallfreien und einträglichen Jahr verhelfen.
Dieses Mal nahmen allerdings lediglich zwei grosse Berufsschiffe und zehn Freizeitschiffe an dem Anlass teil.

  

Die gesellschaftliche Bedeutung des Anlasses ist allerdings auch heute noch ungeschmälert. Immerhin hat die Kirche einen Bischof abkommandiert und die Confrérie des Avalants Navieurs hat alle organisatorischen Vorkehrungen getroffen. Sie hat die Batterie Fanfare et Majorettes aufgeboten und die Confrérie de Moutarde de Dijon eingeladen, genau so wie die Confrérie de l'Ognion d'Auxonne. Damit waren wohl alle Leute vertreten, denen an der lokalen Geschichte etwas gelegen ist. Die hiesigen Schifferverteranen benutzen jedes Jahr diese Gelegenheit, Leute, die sich um die Binnenschiffahrt verdient gemacht haben, feierlich in ihre zunehmend ergrauten Reihen aufzunehmen.

      

Immerhin hat dann der Bischof doch noch vom Rundfahrtschiff Vagabondo aus die anwesenden Schiffe gesegnet. Er fand nicht sehr viel Beachtung, denn der Schwerpunkt der Feier lag eindeutig beim Jahrmarkt, der in diesen Zeiten den Bedürfnissen der Leute mehr zu entsprechen vermag. Daneben buhlten Vorführungen von Jet- und Wasserskifahrern, sowie folkloristische Tänzer und Linedancer um die Aufmerksamkeit der Festbesucher.

Während dieser umtriebigen Zeit hatten wir es uns bei einem Kaffee ganz gemütlich gemacht.



Bis 22.30 Uhr mussten dann allerdings alle jene ausharren, die das Feuerwerk nicht verpassen wollten. Vorher wollte es einfach nicht dunkel werden.


Dann kam er aber, mit all seiner Kraft: der Sommer!
Die letzte Woche des Monats hat die Bewohner der Schiffe im Hafen auf eine harte Probe gestellt. Die Temperaturen kletterten regelmässig gegen 40 Grad im Schatten, aber da war kein Schatten. Und Schatten blieb auch während der folgenden Tage ein Fremdwort. Die Stahlschiffe heizten sich an der Sonne unbarmherzig auf. Ein erfrischendes Bad hätte Wunder wirken können, doch das Baden im Kanal ist verboten und hier auch nicht wirklich zu empfehlen. So konnten wir wenigstens die Genugtuung geniessen, dass damals beim Umbau des Schiffes sich unsere Investition in eine vernünftge Isolation gelohnt hatte, auch wenn sie eher für den Winter gedacht war. Wir konnten diesem guten Gefühl zusätzlich etwas nachhelfen, indem wir mit einer Tauchpumpe regelmässig das Deck und die Terrasse mit Wasser kühlten. Es waren aber nicht nur die Schiffer, die sich dem heissen Wetter anpassen mussten, auch die Arbeiter der Schiffsbetriebe am Hafen hatten rasch reagiert und den Beginn ihrer Arbeit am Morgen vorverlegt. So konnten sie am Nachmittag wenigstens etwas früher in den Feierabend fahren.

Als Belohnung waren die langen Abende auf der Terrasse umso schöner und das kühle Bier oder das frische Glas Wein waren wohlverdient.

 

 

 

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