Juni 2017

Schon im letzten Jahr waren wir anlässlich unserer Reise durch den Finowkanal (August 2016) erneut auf die Romane von Theodor Fontane (Effi Briest, Frau Jenny Treibel, Die Poggenpuhls usw) aufmerksam geworden. Gemischte Erinnerungen an die Pflichtlektüre während längst vergangener Schulzeit wurden dabei wieder wach. Wir hatten uns die Schriften bewusst an einem historisch bedeutenden Ort gekauft und mit ganz anderen Augen neu gelesen. Was uns damals in der Schule als antiquiert, gekünstelt und unmöglich vorgekommen war, erwies sich heute als treffende Schilderung der Lebensumstände zu jener Zeit. Präzis beobachtet und mit feinem Humor nachgezeichnet. Das war ja genau die Zeit, in der die Wasserwege, wie wir sie bereisen, ihre heutige Form bekommen haben. Einmal mehr hat uns also unser Schiff langsam und fast unmerklich in längst vergangene Tage zurückgebracht. Nach der Lektüre des Romans 'Der Stechlin' war es für uns einfach klar, dass wir den See besuchen mussten, um den herum sich das beschriebene Geschehen zugetragen hat
Rheinsberg war dafür der ideale Ausgangsort.

Wir haben also unsere Drahtesel fahrbereit gemacht und sind über Wege, die offiziell zwar als Fahrradwege bezeichnet sind, aber oft eher einem schmalen Waldweg gleichen, unserem Ziel entgegen geradelt. Wir kamen so zwar durch wunderschöne Wälder, hatten aber dabei über weite Strecken das Gefühl, seit langer Zeit die ersten zu sein, die diese Wege benutzten. Wie mehrfach zuvor machten wir die Erfahrung, dass es in Deutschland nicht unüblich ist, wenn sich ein Weg in der Natur einfach verliert oder dass an einer Mehrfach-Verzweigung jeglicher Wegweiser fehlt. Die genaue Ursache für dieses Phänomen ist uns allerdings immer noch schleierhaft, denn selbst auf bekannten und vielfach publizierten Routen bleibt man ab und zu etwas ratlos in der Landschaft stehen. Es scheint aber Methode zu haben. Die sonst so exakte deutsche Bürokratie scheint hier an ihre Grenzen zu stossen. Umso grösser war aber jeweils die Freude, wenn wir dabei immer wieder an riesigen alten Bäumen, Wollgraswiesen oder Hochmoortümpeln vorbeikamen. Ganz ratlos waren wir allerdings, als uns unvermittelt eine Warntafel und ein unüberwindbarer Zaun an der Weiterfahrt hinderten: wir waren an die Grenze der Sperrzone gelangt, innerhalb der das stillgelegte Kernkraftwerk Rheinsberg aus der DDR-Zeit auf seinen Abbruch wartet. Weil es damals unbekümmert inmitten eines Naturschutzgebietes erbaut worden war, ist heute der Rückbau noch schwieriger, als er ohnehin schon wäre. Er wird darum wohl noch Generationen von Ingenieuren beschäftigen. Zusammen mit dem Flughafen BER eine weitere ewige Baustelle.

  

Nach einigen 'Irrungen und Wirrungen' (auch von Fontane) standen wir aber schliesslich doch noch am Ufer des Grossen Stechlin. Unzählige Sagen und Geschichten haben hier ihren Ursprung, wohl auch, weil der See stark gegliedert und gleichwohl der tiefste See Ostdeutschlands ist. Er zeichnet sich durch eine ausserordentliche Wasserqualität aus und ist reich an Fischen. Darunter ist auch eine Fischart, die weltweit allein nur in diesem See zu finden und erst in jüngerer Zeit überhaupt wissenschaftlich beschrieben worden ist.

Die zweite Hälfte unseres Ausflugs war dann mindestens so beeindruckend wie die erste, die Wege gelegentlich so gut getarnt, dass wir unsere Fahrräder tragen mussten. Wir kamen dabei an Dietrichs Teerofen vorbei, einer Stelle, wo vor 250 Jahren mehrere Generationen einer Familie Dietrich ihr kärgliches Auskommen mit der Teersiederei verdient hatten. Teer und Pech, gewonnen durch die Verschwelung von kienhaltigen Holzstubben, waren die ersten Kunststoffe in der Geschichte der Menschheit. Verwendung fanden sie als Klebstoff, dienten vor allem aber zum Abdichten der Holzschiffe. Die Gegend war und ist heute noch reich an mächtigen Buchen, welche genügend Energie lieferten, dass sich hier schon zu jener Zeit auch eine regelrechte Glasindustrie etablierte. Der intensive Holzschlag und die Köhlerei führten aber rasch zur Übernutzung des Waldes und die Glashütten mussten mehrfach verlegt werden.

Im Fontanehaus in Neuglobsow assen wir unter der selben Linde zu Mittag, unter der angeblich schon Fontane zu speisen und zu schreiben pflegte.

Vor der Rückfahrt blickten wir noch einmal zurück über den Grossen Stechlin, der uns nachhaltigen Eindruck gemacht hat.

Diese Rückfahrt wurde allerdings, weil wiederum der kürzeste Weg wohl ganz woanders verlaufen wäre, deutlich anstrengender als gedacht, was offensichtliche Spuren hinterlassen hat.

Bevor wir dann mit dem Schiff weiterfahren konnten, zogen noch einige heftige Wetterfronten über uns hinweg. Wir waren aber am Steg der Reederei Halbeck so gut aufgehoben, dass wir dem Geschehen sorglos zuschauen konnten. Vor der Abfahrt wollten wir uns aber noch von jenem Kapitän verabschieden, der uns durch seinen spontanen Einsatz zu dieser aussergewöhnlichen Anlegestelle verholfen hatte. Er war uns in diesen paar Tagen so etwas wie ein Freund geworden.

  

Weiter ging die Reise durch verschiedene Seen. Die unten abgebildete Passage brachte uns in den Bikowsee, wo wir für die Nacht ankerten, obschon das Wasser braun und undurchsichtig war.

  

Am nächsten Tag ging es weiter in den Zootzensee, wo das Wasser dagegen so sauber und durchsichtig war, dass wir sogar unseren Anker in drei Meter Tiefe vom Schiff aus klar sehen konnten. Er zählt darum zu den saubersten Seen Deutschlands und erreicht beinahe Trinkwasserqualität.

  

Als sauberster See gilt der Grosse Zechliner See. Diesen erreicht man durch den Repenter Kanal, der aber eine Wassertiefe von nur knapp einem Meter aufweist. Für uns also nur mit dem Kajak befahrbar. Das Erlebnis war uns aber die Mühe wert und das Kajak lag ja bereit. Wir waren allerdings nicht allein, denn das Wasserwandern, wenn immer möglich mit einem originalen Faltboot aus der DDR-Zeit, wird hier ausgiebig gepflegt und ist bei jung und alt beliebt. Und die Faltboote sind eine gesuchte Rarität. Das ist einer der spürbaren, nicht unsympathischen Unterschiede zwischen den alten und den neuen Ländern.

Einmal kam uns ein Mietboot entgegen, dessen Kapitän seine Kinder als Ampel aufgestellt hatte.

Über den Schleusenkanal verliessen wir die Rheinsberger Gewässer und kehrten kurz vor Canow wieder in die Müritz-Havel-Wasserstrasse (MHW) zurück.
Auf unserer Fahrt durch den Labussee folgten uns ein paar Sportkanuten, die locker während einer Stunde eine Geschwindigkeit von etwa 7 km/h mithielten. Sie betrieben ihren Sport ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal. Die Wasserwanderer daneben liessen sich deutlich mehr Zeit.

  

Nach der Schleuse Diemitz bogen wir für eine Nacht vor Anker in den Grossen Peetschsee ein, der trotz seines Namens in Wahrheit winzig ist und hier ganz bewusst nur deswegen erwähnt wird

Auf dem Weg von Mirow nach Rechlin erlebten wir einmal mehr, dass die Fahrt durch einen Kanal alles andere als langweilig sein kann und gelegentlich auch höchsten ästhetischen Ansprüchen gerecht wird.

Bei Rechlin kamen wir in den Kleinen Müritzsee und fanden in der Ferienanlage Rechlin freundliche Aufnahme.
Der erste Abend war noch romantisch schön.

Am nächsten Tag war uns das Gastrecht aber besonders wichtig, da für die nächste Zeit bereits wieder schlechtes Wetter mit starkem Wind angesagt worden war. Die Müritz, die wegen ihrer Grösse bei windigem Wetter rasch beachtliche Wellen bildet, würde damit für unser Schiff zu einem ungemütlichen Fahrgebiet. Sie ist ja der grösste See, der ganz in Deutschland liegt und sozusagen das Herz der Mecklenburgischen Seenplatte. Von hier aus fliesst das Wasser in alle vier Richtungen ab.

Wieder einmal warteten wir hier eine Wende zum Besseren ab.

Sobald sich das Wetter beruhigt hatte, fuhren wir weiter nach Röbel und fanden ein Städtchen, das aus den Gelegenheiten der Wende für sich das Beste gemacht hat. Mit viel fremdem Kapital wurden die meisten Häuser, die in der DDR heruntergekommen waren, auf gefällige Art restauriert. Auf dem alten Burghügel wurde eine Windmühle im holländischen Stil errichtet, welche Raum für Kunstausstellungen bietet. Insgesamt ein gelungenes, doch sehr touristisches Projekt.

     

Auf der Binnenmüritz, so wird der nördlichste Teil der Müritz genannt, sahen wir in der Ferne die Häuser von Waren. Darüber werden wir sicher später mehr berichten, denn wir haben für die Ferienmonate Juli und August dort eine Liegestelle reserviert. Während dieser Monate besuchen jedes Jahr über 40'000 Schiffe die Gegend. Leicht auszumalen, dass der Platz dann für uns etwas gar knapp wird.

Durch den Reekkanal fuhren wir in den Kölpinsee und dann vorbei am Damerower Werder (Werder=Halbinsel) in den Jabelschen See. Dort ankerten wir zwei Tage in schönster Umgebung, genossen Ruhe und Zeit. Dass die Engpässe zwischen den Seen meist kleine Leckerbissen darstellen, daran hatten wir uns schon gewöhnt. Allerdings schätzten wir sie jedes Mal ganz bewusst, wie ein Stückchen Schokolade zum Kaffee. Fast wäre uns allerdings die Schokolade bei diesem Anblick im Hals stecken geblieben. Wir werden später nochmals ausführlich darauf zurückkommen.

  

Durch den Göhrener Kanal und den Fleesensee gelangten wir nach Malchow. Die alte Stadt ist auf einer Insel gelegen, die gegen Süden hin durch einen Erddamm mit dem Festland verbunden ist. Er ersetzt eine Brücke, die im 30-jährigen Krieg zerstört worden war. Auf der anderen Seite ermöglicht eine Drehbrücke, die jede Stunde die Durchfahrt frei gibt, dass die vielen Boote dennoch regelmässig durchfahren können. Deren  Reise gegen Westen führt weiter durch die Müritz-Elde-Wasserstrasse (MEW), welche bei Dömitz in die Elbe (!) mündet. Das Drehen der Brücke lockt immer viele Zuschauer an, was wiederum all den Gaststätten zu gute kommt, die sich an dem Ort angesiedelt haben. Bier- und Eisbecherumsatz sind dann rekordverdächtig und helfen mit, dass es der Stadt ganz offensichtlich gut geht.
Ein ehemaliges Frauenkloster und die zugehörige Kirche mit dem imposanten Turm, liegen auf der Südseite der Stadt. Es ist eines der weiteren Merkmale der Stadt, lockt aber, genau wie das dazugehörige Orgelmuseum, deutlich weniger Neugierige an. Der grössere Teil der Liebe geht offensichtlich doch durch den Magen. Leider endet der Turmaufstieg bei der Terrasse über den Bäumen. Eine Enttäuschung für den Besteiger!

  

Wir bewegten uns auf der Mecklenburger Seenplatte und die trägt, wie bereits erwähnt, über tausend Seen. Wir werden bestimmt nicht alle besuchen, aber trotzdem droht die Schilderung unserer Reise in eine unverständliche Litanei auszuarten mit fremden und immer wieder ähnlich tönenden Namen. Künftig werden wir uns bemühen, den wirklich Interessierten das Verfolgen unseres Weges mit einer Karte möglich zu machen. Die vielen Seen sind in ein weit verzweigtes Netz eingebettet, mit engen Durchgängen oder Kanälen, die sie verbinden. Dabei ist es wie bei einer Perlenkette: wenn jede weitere Perle ebenso schön oder noch schöner ist als die vorhergehende, ist es äusserst schwierig, ihre Besonderheit zu beschreiben.
Trotzdem wird die Kette mit jeder Perle gewichtiger und damit für ihre(-n) Besitzer(-in) immer wertvoller!

Die Wasserstrasse führte uns weiter durch den Recken und den Lenzkanal in den Plauer See, wo wir gleich mit der Einfahrt Brandenburg verliessen und in Mecklenburg-Vorpommern ankamen. Quer über den See erreichten wir Plau und damit den westlichsten Punkt, den wir hier mit unserem Schiff ansteuern werden. Schwerin, die Landeshauptstadt, werden wir in den Sommermonaten auf dem Landweg besuchen.
Die Betonnung der Hafeneinfahrt zeigt, dass wir 'zu Tal' fahren und die vielen Windräder sind ein deutliches Zeichen, dass es hier nicht bloss ab und zu bläst.

Weil das Wetter gut war, setzten wir schon am nächsten Tag wieder unsere Fahrräder an Land und machten eine kleine Velotour rund um die südliche Seehälfte. Zunächst waren die Wege wieder von der romantischen Art, die Landschaft eine Wohltat für Herz und Gemüt.

Es ist sicher kein Zufall, dass es für die ganze Gegend in Buchhandlungen und im Internet ein reiches Angebot gibt an Radtouren, Wanderungen und Exkursionen. Geführt oder auf eigene Verantwortung. Es gibt solche mit Schwergewicht Geschichte, solche zu Botanik oder Entomologie und natürlich auch solche für die Vogelfreunde. Wieder andere folgen dem vielfältigen Thema 'Fischverwertung', sei es gedämpft, gebraten oder geräuchert.

  

Zurück zu unserer Reise: auf der Westseite des Plauer Sees gibt es mehrere Ferienanlagen, einige in der Form von gediegenen Hotels. Plau war schliesslich für lange Zeit ein Luftkurort, wo verdiente Kämpfer der DDR-Betriebe ihre Atemwege zu kurieren versuchten, die sie zuvor in den Kohlegruben ruiniert hatten. Die gediegenen Hotels waren wohl eher dem Kader vorbehalten. Heute entsprechen alle diese Einrichtungen den gehobenen Ansprüchen der oft grauhaarigen Touristen. Schliesslich bilden Feriengäste den wohl wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Gegend. Trotzdem, die Landschaft war weiterhin schön und manche Orte luden zum Bade oder wenigstens zur Rast. Die Südspitze erreichten wir bei Bad Stuer, einer ehemaligen Kalt-Wasser-Heilanstalt nach den Ideen von Dr. Kneipp. Auf den letzten Kilometern missachteten wir leider zweimal ein Warnschild, dass der Weg von Wurzeln überwachsen sei. In Wirklichkeit war dann allerdings der Weg ganz weggewaschen und die Wurzeln in der Luft. Mit einem etwas mühsamen Aufstieg wuchteten wir unsere Räder steil hangaufwärts über sandigen und darum rutschigen Boden, bis wir wieder auf befahrbares Terrain stiessen. Und wir waren danach echt froh, unbeschadet dort angekommen zu sein.
Und die Moral von der Geschichte ...?
(Mann ist nie zu alt zum Lernen.)

Am Lenzer Kanal, wo wir am Tag zuvor selber in den See eingefahren waren, liegen zwei Gaststätten. Im Lenzer Krug, einem Gasthof, der zum kleinen Imperium einer Wirtsfamilie gehört, die offensichtlich äusserst geschickt die Gelegenheiten der Wende zu nutzen gewusst und damit verdienten Erfolg hatte, kehrten wir ein. Nach unserem kräftezehrenden Veloerlebnis konnten wir dem verlockenden Angebot nicht widerstehen. Einen kleinen Einblick bietet der Blog des jungen Chefs  'falk-kulinarium.de'. Darin findet man nicht nur Reklame, sondern viele echt wertvolle Tipps für Leute, die auch vor dem Essen gerne mal Hand anlegen. Denn schliesslich kann man Leckeres besser geniessen, wenn man weiss, wie es zubereitet worden ist.

Zum Glück liegt gerade neben dem Restaurant eine Schiffanlegestelle, von der die Ausflugsschiffe auf ihrem Weg zurück nach Plau auch gestrandete Radfahrer samt ihren Vehikeln mitnehmen. Wir nutzten diese Gelegenheit, fuhren als Passagiere über den See zurück, schauten zu, wie die Profis das machen und freuten uns über das schöne Schiff in der Einfahrt zum Hafen von Plau.

  

Weil wir ein paar Tage in der Stadt verweilten, trafen wir ganz unerwartet auf Monica und Hans von der Baba Jaga. Schon mehrere Male in den letzten Jahren sind wir dem Schiff mit Schweizer Flagge auf den verschiedensten Gewässern begegnet, zumeist in Schmalstellen oder engen Kurven, wo die Musse fehlte, weil der Raum knapp und die Zeit kurz war. Wohl deshalb hatte sich nie die Gelegenheit ergeben für einen Austausch unserer Erfahrungen und Erlebnisse. Doch jetzt wurden wir eingeladen zu einem Aperitif und entdeckten rasch derart viele Gemeinsamkeiten, dass der Fluss der Gespräche nie abbrach und bewirkte, dass Monica wenig später nochmals für einen kurzen Moment in die Küche verschwand und etwas Feines auf den Tisch zauberte. So dehnte sich der gemütliche Abend aus bis weit in die Nacht hinein und wir waren wieder einmal glücklich über die Tatsache, dass in einem Hafen der Heimweg meist vernachlässigbar kurz ist.
Das war ein gelungenes Treffen, vielen herzlichen Dank!

Am Sonntag meldeten wir uns für eine Stadtführung, waren dann aber erstaunt, dass wir dabei die einzigen Gäste blieben. Die nette Dame, die uns durch die etwas ruhigeren Teile der Stadt führte, liess uns das aber nicht spüren. Im Gegenteil, sie zeigte uns mit spürbarer Liebe die kleinen Details und die vielen versteckten Schönheiten der Stadt, in der sie fast ihr ganzes Leben unter denkbar wechselvollen Bedingungen verbracht hat. Es ist unmöglich, in diesem kurzen Bericht der gekonnten Führung gerecht zu werden und so folgt lediglich eine fast willkürliche, ganz kleine Auswahl unserer Eindrücke.
Plau ist stolz darauf, die höchste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern zu sein. Die Elde, liebevoll 'Das Blaue Band' genannt, fliesst ja in Richtung Elbe stets hinunter und verbindet die Stadt mit der grossen, weiten Welt. Trotzdem braucht es die Hebebrücke, die in früheren Zeiten durch eine Frau bedient worden ist, die das im Nebenamt erledigt hat. Heute wird die Brücke automatisch betrieben. Lediglich die Schleuse, die kurz darauf folgt, wird auch heute noch bedient. Auch hier bildet der Wasserweg die Schlagader der Stadt.

Von einer Burg, die einst vor räuberischen Überfällen hätte schützen sollen, ist fast nur noch der Turm übrig geblieben, der in seinem Inneren aber, nebst einem elf Meter tiefen, etwas beängstigendem Verliess, auch noch ein schönes, gekonnt restauriertes altes Uhrwerk besitzt. Der Aufstieg da hinauf hatte es aber in sich: nicht hoch, aber beeindruckend eng.

  

Beim Gang durch die Strassen wird der Fortschritt augenfällig, der mit den durch strenge Vorschriften des Heimatschutzes gesteuerten Renovationen erreicht werden kann. Trotz grossen Beiträgen durch Land und Bund, ist es den zumeist alten Besitzern manchmal unmöglich, die nötigen Mittel aufzubringen. Es wird den Erben vorbehalten sein, den Häusern wieder zu einem würdigen Aussehen zu verhelfen.

     

Trotzdem ist die lebendige Stadt mit knapp 6000 Einwohnern von allen Winkeln aus gesehen eine kleine Perle. Die Bevölkerung scheint stolz auf das Erreichte zu sein, was sich durch eine dichte Kette von Festen und Feiern im Jahreslauf widerspiegelt, sowie durch viele Projekte, die verwirklicht werden sollen, sobald sich die nötigen Mittel finden lassen. Von Stillstand keine Spur!
Bis auf eine einzige Bausünde ist die Wiederbelebung der Stadt wirklich gelungen.

Unser Ablegemanöver wurde durch den Besitzer des Bootes hinter uns besonders kritisch, aber kommentarlos beobachtet.

Die erste Sommerwoche, die Tage nach der Sonnenwende, lagen wir fast immer vor Anker, an wechselnden Standorten und auf verschiedenen Seen. Wenn der Wind nicht zu stark wehte, verbrachten wir die Zeit auf der Terrasse und gingen ab und zu schwimmen. Gänse, Enten, Schwäne und Haubentaucher führten ihren Nachwuchs, während Schwalben und Stelzen, Möven und Reiher, gelegentlich auch ein Fischadler, nicht müde wurden, uns an ihren Künsten zu Wasser und in der Luft teilhaben zu lassen. Wir lernten dabei wieder einmal, was Ruhe heisst und waren darum ziemlich verwundert, dass der Lärm am Ufer spielender Kinder selbst aus der abgebildeten Distanz mühelos und klar über den See zu uns herüberklang. Dabei hatten wir das Gefühl, wir könnten sogar die Gespräche verstehen, wenn wir uns nur etwas anstrengen würden. Wenn auch unsere Aussicht an einem Tag sich nicht sehr von jener des Vortages unterschied, wurde uns doch klar, dass wir uns vollkommen frei in einer aussergewöhnlich schönen und reichhaltigen Landschaft vergnügten. Eine Landschaft, die so weitläufig und grosszügig angelegt ist, dass sie, wenigstens bis jetzt, die Nutzung durch die Menschen zu vertragen scheint, ohne dadurch ihren ursprünglichen Charakter einbüssen zu müssen. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob sich unsere Freude von heute mit der Sorge um den Erhalt dieses Schatzes über den morgigen Tag hinaus verträgt.

  

Wir hatten jedoch noch etwas zu erledigen. Lange liess uns das Warnschild beim Damerower Werder keine Ruhe und wir haben uns in der Zwischenzeit über seine Bedeutung etwas schlau gemacht. Die Halbinsel, die nur über eine schmale Landzunge zugänglich, aber über 300 Hektar gross ist, beherbergt seit 1957 das Wisentreservat Damerower Werder, wo europäische Wisente leben und sich wieder vermehren können. Der Ur (Auerochse) und der europäische Wisent, waren die ursprünglichen Rinderrassen auf unserem Kontinent. Während sich der Wisent erfolgreich der Domestikation widersetzte, wurde der Ur zur Stammform unserer heutigen Rinder. Zusätzlich gelang es dem Wisent, sich rechtzeitig quer durch Asien und über die Beringstrasse auf den amerikanischen Kontinent auszubreiten, wo er, als etwas kleinerer amerikanischer Bison, die neue Welt eroberte. Gemeinsam mit der indigenen Bevölkerung teilte er dort allerdings später ein grauenhaftes Schicksal und wurde mit dieser durch die aus Europa eingewanderten Siedler rücksichtslos hingemetzelt und so praktisch zum zweiten Mal ausgerottet.

Nachdem der letzte Auerochse 1627 erlegt worden war, wurden die zwei verschiedenen Urrinder häufig in Geschichten und Erinnerung durcheinander gebracht. Alle heute lebenden reinrassigen Wisente stammen jedoch von lediglich 12 Tieren ab, die in Polen überlebt hatten. An mehreren verschiedenen Orten wird darum seit einiger Zeit mit sorgsamer Zuchtplanung daran gearbeitet, die beinahe verloren gegangene Art und ihre genetische Vielfalt zu erhalten. Der einzigartige Vorteil des Wisentreservats auf dem Damerower Werder ist, dass hier die Tiere praktisch in freier Wildbahn gehalten werden können. Dank der Arbeit der Verantwortlichen kann die Bevölkerungsdichte höher gehalten werden, als dies in vollkommener Freiheit möglich wäre. Jedes Jahr werden hier etwa zehn Jungtiere geboren, die zum weiteren Bestandeserhalt an sorgfältig ausgewählte Plätze vergeben werden. Da die Tiere am liebsten vom Verzehr von Buchenrinde leben, könnte ein Wald dieser Grösse langfristig lediglich zwei bis drei Tiere ertragen, ohne übermässig Schaden zu nehmen. Um die 30 Tiere sind es heute.

Der Stierkopf im Wappen von Mecklenburg ist seit dem 13. Jahrhundert stolzes Wahrzeichen der Gegend und bildet heute, zusammen mit dem Pommerschen Gryf,  das Landeswappen von Mecklenburg-Vorpommern.

Damit die Besucher des Reservats die Tiere sicher zu sehen bekommen, wird zwei Mal täglich in zwei Schaugehegen den Tieren etwas ganz besonders Leckeres serviert. Zuverlässig finden sie sich dann an diesen Plätzen ein und können so in Ruhe bestaunt werden. Das Reservat selber darf nicht betreten werden und genau das ist der Grund für das erwähnte Warnschild. Das dies für einmal ein Verbot ist, das wirklich Sinn macht, das wurde uns anlässlich unseres Besuches unmissverständlich klar.

       

Die Tiere leben wirklich wild und in gewachsenen Gesellschaften. Während die Herde von einer Kuh geführt wird, ist der bis zu 1000 kg schwere Bulle vor allem eigensinnig und weitestgehend mit sich selbst beschäftigt.
Wir waren bestimmt nicht die einzigen, deren Gedanken gelegentlich in die amerikanische Prärie und dort zu Crazy Horse und zu Sitting Bull abschweiften.

Vom sicheren Standort aus war diese Vorführung ein Erlebnis und die fachkundigen Erklärungen des Tierwärters waren fesselnd und aufschlussreich zugleich.
Das einzig Gescheite, was auch einem sehr tapferen Mann bei einer zufälligen Begegnung mit einem Bullen helfen könnte, ist hier nochmals in einer Sprache dargestellt, wie sie internationaler nicht sein könnte.

  

Da wir mit unserem Schiff im Jabelschen See geankert hatten, waren wir mit dem Kajak zum Besucherzentrum gepaddelt und mussten uns notgedrungen vor der Rückfahrt noch etwas stärken. Dazu bot die ganz in der Nähe angesiedelte Fischerei, Räucherei und Fischzuchtanstalt mit ihrem gemütlichen Restaurant die beste Gelegenheit. Lokaler und frischer kann man sich nicht verpflegen.

Bereits vor einem Jahr hatten wir uns für Juli und August einen Liegeplatz im Hafen der Stadt Waren reserviert. Wir dachten, dass wir damit dem ärgsten Ferienverkehr etwas entfliehen können. Nicht dass wir etwas gegen Leute hätten, welche ihre Ferien geniessen wollen. Aber es macht einfach keinen Sinn, sie ausgerechnet dann zu ärgern, wenn sie gerade ihre zwei oder drei Wochen wohlverdiente Ferien verbringen und sich dann plötzlich einem Schiff gegenübersehen, das nach ihrer Meinung einfach zu gross ist. Die nächsten beiden Monate werden wir darum die Gegend, die wir jetzt mehrfach als grosszügig und schön bezeichnet haben, mit dem Zug, per Velo oder gelegentlich auch zu Fuss erkunden. Sicher werden wir mal zwischendurch eine kleine Ausfahrt per Schiff machen und eine oder zwei Nächte vor Anker verbringen. Mitten auf dem See hat wird es ganz bestimmt auch für uns Platz genug haben. Von dort werden wir uns in etwa einem Monat wieder melden!

Unsere Einfahrt in Waren.

Monat Juni 2017:
- 30 h 50'
- 4 Schleusen
- 2 Hebebrücken
-150 km

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