Oktober 2015 

 

Richtung Deutschland sind wir also aufgebrochen im letzten Monat dieser Saison. So fuhren wir zuerst gegen Osten durch den Eemskanaal und drehten dann bald Richtung Südost in den Winschoterdiep nach Hoogezand. Dort machten wir zum Übernachten an einer Industriekade fest, von der wir aber nach kurzer Zeit durch ein Polizeiboot weggewiesen wurden. Ein paar hundert Meter weiter legten wir ganz regelkonform am offiziellen Steg der Gemeinde erneut an und so waren alle zufrieden. Am nächsten Morgen fuhren wir in bester Laune weiter Richtung Veendam, dem Ausgangsort für eine doch sehr spezielle Route. Rund 70(!) bewegliche Brücken und etwa 15 Schleusen lagen vor uns und alle diese Einrichtungen mussten vom zuständigen Personal bedient werden. Für Spannung war also gesorgt, weit mehr jedoch, als wir in diesem Moment ahnten.

Bei der Einfahrt zur kleinen Schleuse in Veendam leuchteten zwei rote Lampen übereinander und zeigten damit eine Störung an. Da mehrere Leute und mit ihnen auch der Schleusenwärter aufgeregt durcheinander rannten und sich immer wieder am Schleusenrand auf den Boden legten, musste da etwas besonderes vorgefallen sein. Wir legten am Rand des Kanals an und gingen zu Fuss zum Schleusentor, wo wir bald den Grund der Aufregung erfuhren: eine junge Katze war in die Schleuse gefallen und kämpfte dort offensichtlich verzweifelt um ihr Leben. Da aber die Arme der Helfer zu kurz waren, dem verunglückten Tier zu helfen und anderes Werkzeug fehlte, machte der Schleusenwärter Anstalten, sich der schwersten Kleider zu entledigen. Er wollte zur  Rettung der Katze offensichtlich ins kalte Wasser der Schleuse springen. In diesem Moment wurde uns klar, wozu wir seit Jahren einen Fischkescher (Netz) mit an Bord führten, den wir mit unserem Schiff vom Vorbesitzer übernommen hatten. Mehrmals hatten wir das Ding schon entsorgen wollen, doch hatten wir immer wieder davon abgesehen unter dem bekannten Vorwand, dass man es vielleicht doch noch einmal gebrauchen könnte! Und jetzt rettete es einem verzweifelten Kätzchen das Leben!

Nach dieser Aufregung legten wir an der Kopfseite von drei Stegen an und machten uns daran, die Modalitäten für die aufwändige Weiterfahrt zu klären, als uns bereits die nächste Überraschung entgegen kam. Das Datum zeigte den 2. Oktober und ab dem ersten, werden die vielen Brücken saisongemäss nur noch Mittwoch und Donnerstags bedient. Und heute war Freitag!

Damit wurde uns fast eine ganze zusätzliche Woche 'geschenkt' und wir richteten uns für diese Zeit bequem ein. Das war weiter nicht schwierig, gab es doch hier alles was wir brauchten: viele Läden, Bäckereien, einen Markt und ein ganz ansprechendes Städtchen. Darüber hinaus, gleich bei unserer Anlegestelle, äusserst komfortable sanitäre Einrichtungen und Duschen mit unbeschränkt warmem Wasser. Gar nicht schlecht, bei immer kühler werdendem Wetter. Und das alles für uns ganz allein!
Gegen Anfang der Woche gesellte sich dann noch ein kleineres deutsches Tourenboot zu uns und gemeinsam machten wir uns am folgenden Mittwoch endlich auf den Weg.
Zwei Gemeindeangestellte, jeder auf einem Roller, begleiteten uns neben dem Kanal und öffneten nacheinender die zahlreichen Brücken. Wir kamen rasch vorwärts und waren äusserst zufrieden. Allerdings etwas zu früh.
So waren wir unterwegs auf dem Stadskanaal, dem Musselkanaal und dem Ter Apelkanaal, im Grunde alles die selbe Wasserstrasse, welche bloss immer den Namen der Gemeinde annimmt, durch deren Gebiet sie gerade verläuft. Danach folgt der Haren-Rütenbrock Kanal, der hauptsächlich auf deutschem Gebiet liegt und darum auch durch deutsches Personal bedient wird. Wie sein Name sagt, führt er direkt zur deutschen Stadt Haren.

  

Das einzige Problem war, dass auch der deutsche Kanal ausserhalb der Saison nur am Mittwoch und Donnerstag bedient wird.  Wollten wir also nicht nochmals eine Woche warten, mussten wir spätestens am Donnerstag-Mittag in diesen Kanal einfahren.
Der Fahrplan schien zu klappen und alles lief wie am Schnürchen, bis am Mittwochmittag die Brückenwärter uns unvermittelt verliessen, mit der kurzen Mitteilung, dass sie am nächsten Tag wieder kommen würden. Unsere Bedenken, dass so die Zeit für eine termingerechte Ankunft an der deutschen Grenze knapp würde, war ihnen so ziemlich egal und sie gingen nach Hause. Ein früher Feierabend!

Eine neue Mannschaft übernahm unseren kleinen Konvoi am nächsten Tag und, da es flott weiter ging, vergassen wir rasch unsere Sorgen. Den etwas unfreundlichen Mann, der uns bei der Einfahrt in der Gemeinde Stadskanaal ungeniert aufs Schiff gespuckt hatte, hätten wir allerdings ernster nehmen sollen. Denn bald danach war wieder Mittag und damit Zeit für die Essenspause unserer Begleiter. Dagegen war nichts einzuwenden und die Weiterfahrt wurde auf 13 Uhr vereinbart.
Wie waren wir aber erstaunt, als um 12.50 Uhr die Brückenwärter mit dem kleinen deutschen Schiff, das etwas weiter vorne angelegt hatte, weiterfuhren und uns alleine im Kanal zurückliessen. Dabei hätten wir spätestens in einer Stunde in den deutschen Kanal einfahren sollen, wie wir es mit den Verantwortlichen vereinbart hatten. Am Funk war niemand zu erreichen, am Telefon gab niemand Antwort. Unsere Begeisterung hielt sich in engen Grenzen und wir begannen am guten Verlauf dieser Etappe zu zweifeln. Dank ständigem Versuchen erreichten wir doch noch den Chef dieses Kanalabschnitts und er schickte uns zwei andere Begleiter. Am Schluss hat er sich gar für das Verhalten seiner Untergebenen entschuldigt.

  

Trotzdem waren Umgebung und Aussichten im Ter Apelkanaal schön und erlebnisreich, liessen uns den Frust fast vergessen.

  

Mit einer Verspätung von gegen drei Stunden erreichten wir schliesslich die deutsche Grenze und Holland verabschiedete sich mit einem freundlichen
'Tot Ziens'.

Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende. Wir hatten mit unserer späten Ankunft die Beamten auf dem hiesigen Kanalabschnitt zu einem verspäteten Feierabend und zu Überstunden verbrummt, was nicht gerade zu ihrer guten Laune beitrug. Der Kanal selber ist nicht sehr breit und weist flach abfallende Ufer auf, die mit kantigen Steinbrocken befestigt sind. Darum hielten wir unsere Reisegeschwindigkeit eher niedrig und das Schiff sorgfältig in der Mitte. Auch damit lösten wir wenig Begeisterung aus.
Das Beste hatte das Schicksal aber für den Schluss aufbewahrt. Bei der letzten Schleuse vor Haren legte sich unser Schiff gegen Ende der Schleusung plötzlich schräg. Ziemlich erschrocken kontrollierten wir die Leinen, denn das Aufhängen des Schiffes an den Festmachseilen während dem Runterschleusen ist eine jener Todsünden, die einem Binnenschiffer nie passieren dürfen. Viele schwere Unfälle ereigneten sich deswegen. Der Alarmknopf war natürlich unerreichbar auf der anderen Seite und so konnten wir den Schleusenwärter, der etwa sechs Kilometer weiter bei der Schleuse in Haren sass, nur per Telefon erreichen. Er musste die Schleuse erneut fluten, bis unser Schiff wieder flott wurde. Während dieser Zeit konnten wir feststellen, dass am Fuss der Schleusenwand offenbar ein Betonsockel angebracht war, der etwa 30 cm in den Schleusenraum vorstand. An diesem Sockel ist unser Schiff beim ablaufenden Wasser hängen geblieben. Da nirgends eine Warnung angebracht und der Sockel im trüben Wasser nicht sichtbar war, konnten wir davon nichts wissen. Eine potentiell sehr gefährliche Einrichtung!
Erstaunlich war nur, dass unsere diesbezügliche Meldung beim Schleusenwärter auf keinerlei Interesse stiess! Er hatte schlicht genug gearbeitet und wollte offensichtlich nur noch nach Hause.

In Haren hatten wir uns mit Johann Schepers verabredet, einem ehemaligen Berufsschiffer, der einer alten Schifferfamilie aus Haren angehört und deshalb mit den lokalen Verhältnissen auf beste vertraut ist. Er hatte uns einen Liegeplatz im neuen Jachthafen freigehalten, unsere Ankunft aufmerksam verfolgt und versorgte uns umgehend mit wertvollen Informationen. Schiffe sind halt immer noch sein Leben.

Beim grossen Markt am Wochenende erfreute er grosse und kleine Kinder mit seiner Lok 'Emma', die ein kleines Bähnchen zog, das seine Gäste durch die Innenstadt von Haren chauffierte.

Einen etwas speziellen Nachbarn hatten wir für einen Tag im Jachthafen. Was es nicht alles gibt!
(Wenn ein kleiner Motor nicht reicht, nehmen wir halt zwei.)

Die Fahrt von Haren nach Leer, unserem Winterplatz, erfolgte die Ems hinunter und erforderte etwas mehr Aufmerksamkeit.
Die Ems mündet bei Emden in die Nordsee und ist damit den wechselnden Gezeiten unterworfen. Das bringt es mit sich, dass ein solcher Fluss bei Ebbe ab einem bestimmten Ort zu wenig Wasser führt, während bei Flut das Wasser mit einer unerwartet starken Strömung bergwärts fliesst. Dass die Schiffe weiter oben trotzdem stets genügend Wassertiefe vorfinden, wird dort das Wasser durch eine Gezeitenschleuse zurückgehalten. Hier übernimmt die Schleuse Herbrum diese Aufgabe.
Zunächst fuhren wir durch die Schleuse Düthe im Oberlauf der Ems und danach bestätigte der Wegweiser, dass wir uns auf dem richtigen Weg befanden.

  

Links: das Einlaufen in die Schleuse Herbrum und rechts: beim Auslaufen die Aussicht auf die wartenden Schiffe, die soeben mit dem auflaufendem Wasser bergwärts gefahren waren.

  

Komfortabel fuhren wir mit dem ablaufendem Wasser talwärts in Richtung unseres Winterliegeplatzes Leer.
Die Stadt liegt aber etwas stromaufwärts an der Leda, einem kleinen Nebenfluss der Ems. Natürlich war auch hier zu dieser Zeit das Wasser ablaufend, was für uns während der letzten zwei Kilometer eine Bergfahrt in kräftiger Gegenströmung bedeutete. Wir kamen darum nur noch mühsam vorwärts, was uns nach der langen Tagesreise ganz besonders belastete.
So waren wir zufrieden, als wir nach über acht Stunden die Stadtschleuse Leer erreichten und bei der Einfahrt in den Touristenhafen waren wir gar überglücklich, durch unsere Freunde Annette und René empfangen zu werden. Die beiden waren während vieler Jahre ebenfalls mit einem umgebauten holländischen Frachtschiff unterwegs und wohnen nun schon einige Jahre direkt am Sporthafen von Leer und sind so immer noch direkt mit der Binnenschifffahrt verbunden. Jetzt winkten sie uns zum Willkommen aus ihren Fenstern.
Schiffe rosten, die Liebe zu ihnen offensichtlich nicht.

     

Der Sporthafen in Leer bietet sehr vielen Schiffen Platz und so fanden wir rasch einen komfortablen Liegeplatz und wurden vom Hafenmeister freundlich willkommen geheissen.

Während der folgenden Tage fand der grosse Gallimarkt statt, der hier zu den wichtigsten Anlässen während des Jahres gehört. Leider war das Wetter der Festgemeinde gar nicht gut gesinnt, denn fast pausenloser Regen und ungemütliche Temperaturen dämpften die Festfreude empfindlich. Unser Beitrag beschränkte sich darum auf zwei ganz kurze Visiten.
Etwas besser erging es der Schiffsparade am Donnerstagabend, die wir bequem von unserem Schiff aus miterlebten.

     

Dabei ist die Stadt selber ganz gemütlich, ist reich an stimmungsvollen Winkeln und viele kleine Details überraschen den aufmerksamen Besucher.

     

Gerne hätten wir die vielen Sitzgelegenheiten, Eisdielen und Strassencafés häufiger benutzt, doch das Wetter war dann oft nicht ganz entsprechend. Schliesslich wurde es ja auch schon bald November.


Monat Oktober '15:
-25 h 45' Motorzeit
- 19 Schleusen
- 77 bewegliche Brücken
- 128 km

An dieser Stelle werden wir unsere Mizar einwintern und wir selber werden für einige Zeit etwas Abwechslung vom Schleusenschifferleben suchen.
Das können wir sorglos tun, liegt doch unser Schiff direkt im Blickfeld von mehreren Freunden, die ein ganz besonderes Auge für Schiffe haben.
Ein gutes Gefühl!

Jahrestotal 2015:
-109 h Motorzeit
- 35 Schleusen
- 167 bewegliche Brücken
- 569 km

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